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Bruderflucht

Das Familienleben der Brüder Bastian und Danny gerät nach dem Tod ihrer Mutter aus den Fugen. Der Vater kann weder die Verwahrlosung nach außen, noch die nach innen abwenden. Mit Hilfe einer guten Bekannten des Vaters tritt für eine überschaubare Zeit wieder Normalität in das Familienleben ein. Dann muss der Vater untertauche, er wird polizeilich gesucht. Bastian und Danny bleibt nur der Hinweis von ihrem Vater, wo sie ihn suchen müssen. So machen sich die Brüder auf die Spur ihres Vaters auf. Diese führt sie nach Marseille, Lissabon und Istanbul. Auf der Reise fühlen und erleben Bastian und Danny die Einsamkeit des Daseins und die Unvorhersehbarkeit der Zukunft. Die Begegnungen mit den Menschen, die zart geknüpften Freundschaften hinterlassen bei ihnen Verlustängste und zuweilen wissen sie nicht, wohin sie eigentlich hingehören. In Istanbul muss eine Entscheidung getroffen werden. Sollen sich die Brüder ihrem Vater anschließen und mit ihm weiter ziehen, um eine neue Existenz weit weg von ihren bisherigen Leben aufzubauen? 

 

 

Textauszug

Die Luft in Marseille duftet nicht nach Mittelmeer, nicht nach Pinien, nicht nach Lavendel und Rosmarin. Sie riecht nach Stillstand, nach Resignation und nach Sehnsucht auf bessere Zeiten. Die Luft ist verbraucht, abgestanden, hat sich mit den Abgasen des Verkehrs vermischt, ist mutiert zur einem undefinierbaren Gemisch aus Meersalz und dem Geruch einer Großschlachterei, die vom Todesschweiß der Tiere und ihrem verbrannten Fell klebt und Widerwillen und Übelkeit hervorruft. In Marseille schmeichelt die Sonne nicht, sie verbrennt einem das Gesicht, die Hände und die Arme, wenn man vergisst, sie zu schützen. Marseille nimmt niemanden in die Arme, tröstet niemandem und heißt niemanden willkommen. Marseille ist weder Vater noch Mutter, weder Bruder noch Schwester, weder Leben noch Tod. Marseille ist trotzig und rachsüchtig. Rächen will die Stadt sich, gegen Verleumdung und Verrat, gegen Ausbeutung und dagegen, im Stich gelassen worden zu sein. Gegen Undankbarkeit und Abgrenzung. Grau ist die Farbe von Marseille und in der glühenden Hitze des Sommers ist Marseille untröstlich traurig.
Aber Marseille hat auch milde, tröstliche Tage. Auf einen solchen Tag muss man manchmal lange warten. Und wer nicht aufmerksam ist, für den verschwindet dieser Tag einfach, ohne Gnade, im Angesicht der Trägheit und der wiederkehrenden Tagesabläufe. An einem solchen Tag zeigt sich die Stadt von ihrer charmanten Seite. Sie versprüht dann eine wohltuende Aura, eine Aura, die im Winter wärmt und sich im Sommer kühlend auf die Haut setzt. An einem solchen Tag öffnen sich die Türen der Cafés, Bars und Bistros von allein und sie laden freundlich zum Verweilen ein. Diese Höflichkeit ist ansteckend, Hass und Neid sind wie verflogen, die Offenherzigkeit überwiegt und flaniert durch Marseille. Die Höflichkeit geht selbst dann nicht verloren, wenn sich verwahrloste Menschen, nörgelnde Alte und aufmüpfige Jugendliche unter die Flaneure mischen. Nichts soll diesen Tag vergällen, weder Armut noch Reichtum, weder Hass noch Freude, weder Krankheit noch Lebenskraft, weder Gegensätze noch Stillstand.

Die erste Nacht im neuen Hotel in Marseille ist für Bastian und Danny die erste Nacht nach der Flucht des Vaters, in der sie friedlich einschlafen. Am Morgen stellen sie ihr Frühstück vom Büffet zusammen, setzen sich an einen Tisch mit Blick auf die Fußgängerzone. Sie werden sich bald unter die Fußgänger mischen, in ihrem Rhythmus laufen, sich in ihrem Strom treiben lassen und so wie sie werden. Für Augenblicke werden sie ihr eigenes Vorhandensein nicht wahrnehmen, sich dem Lauf der Dinge anvertrauen.

Es gibt Orte und Menschen, die untrennbar sind. Marseille liebt die Geflüchteten, Vertriebenen, die Immigranten und nimmt sie auf. Marseille ist die Stadt aller Stimmen und der Ort für alle Menschenfarben. Es ist wohltuend, von so einer Stadt willkommen geheißen zu werden. Die Erleichterung des Herzens ist kaum zu beschreiben. Das Gewicht des eigenen Daseins wiegt auf einmal gar nicht so schwer. Leichtfüßig gibt man sich dem Rhythmus der Stadt hin, lässt sich von ihr führen, tritt in die sich öffnenden Straßen, klettert die sich allgegenwärtig anbietenden Steigungen hinauf und wieder hinunter. Man darf sich nicht dagegen wehren, wenn der Wind angesichts der Sprachlosigkeit des Seins und der Traurigkeit der Gegenwart zum Träumen verführt. Ist das Leben unseres?

Marseille ist die Stadt, die einen dazu bringt, in die Straßen und undurchschaubaren Ecken einzutauchen, sich von Gerüchen, Lauten und dem Wind treiben zu lassen. Marseille beichtet seine Geheimnisse nur, wenn es will. Auf eigenen Beinen steht Marseille. Nichts kann die Stadt zum Erzittern bringen, nichts sie besiegen. Nur wenn Marseille nicht mehr will, krank und müde wird von der Traurigkeit seiner Menschen und seiner Bauten, legt es sich zum Schlafen hin. Wenn Marseille sich hinlegt, dann für immer. Keiner kann diese Stadt wieder zum Leben erwecken. Bastian und Danny spüren die Energie, den Willen dieser Stadt. Er ist unter jedem ihrer Schritte. Marseille teilt sich ihnen mit.

Am Ende der Hafenmauer springen Jugendliche von einem Felsen ins Meer. Sie schreien, toben, schubsen sich gegenseitig, verfolgen sich über die Betonmauer, beschimpfen sich, und protzen wie wilde Gorillas. Bastian und Danny setzen sich in ihrer Nähe auf die Mauer, lassen ihre Beine baumeln. Sie verfolgen die Jugendlichen mit ihren Blicken, versuchen, ihren Worten eine Bedeutung zu geben.
Nach einer Weile hat Bastian genug. »Ich besorge uns was zu trinken.«
Entlang der Mauer sind Liebesschwüre, Bekanntmachungen und Verzweiflung aufgeschrieben. Buchstaben in allen Farben und Größen. Sie bekunden Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, schreien nach nicht angenommenen Lieben, nach nie erfüllten Sehnsüchten. Die Mutigeren schreiben ihre Botschaft auf mehreren meterhohen, tonnenschweren Betonblöcken, die hinter der Kaimauer ins Meer fallengelassen worden sind. Die Wellenbrecher sind schwer zu besteigen, es erfordert Geschick und Mut. Dafür wird ihre Botschaft ewig zu sehen sein. Jahre und Jahrzehnte müssen vergehen, um diese Botschaft zu löschen. In den Furchen der zersplitterten Wellenbrecher nisten sich Krebse und Eidechsen ein, führen ein Leben in Feindschaft, beide ganz im eigenen Element: die Eidechse zwischen den trockenen Ritzen der Betons und die Krebse im dunklen, nassen Bereich der Blöcke. Auf kalten und nassen Beton schlägt die Welle, darüber zieht der Wind, jede Unachtsamkeit führt in den Tod.

Bastian setzt sich im Hafencafé an die Theke, bestellt sich Espresso und Wasser — genau wie der Mann neben ihm … ein Hafenarbeiter, der seine Wollmütze auf die Theke gelegt hat. Für einige Minuten scheint ihm die Flucht aus seinem trostlosen Arbeitsleben gelungen zu sein. Für einen Augenblick scheint er dem Druck des Lebens und dem seines Vorgesetzten entkommen zu sein, ein wenig Leben unter Lebenden erhaschen … und dann wieder zurück in das Unausweichliche.